„Aktivistin aus Notwehr“: Mieterin bei Anhörung zum Heizungsgesetz
Die Mieterin Ruth Carcassonne bei der Bundestags-Anhörung zum Gebäudemodernisierungsgesetz
Juni 24, 2026

Am 22. Juni 2026 fand im Ausschuss für Wirtschaft und Energie des Deutschen Bundestags eine öffentliche Anhörung zum Gebäudemodernisierungsgesetz (sog. „Heizungsgesetz“) statt. Mit dabei: Die Mieterin Ruth Carcassonne, aktiv bei der Mieterinitiative Mariendorf-Ost und im Berliner Bündnis gegen Vonovia und Co. Wir dokumentieren hier ihre Rede vor dem Ausschuss:

 

Guten Tag,

Mein Name ist Ruth Carcassonne. Ich bin Mieterin bei Vonovia und seit einigen Jahren auch Aktivistin. Sie haben vom DMB gerade gehört, dass jede zweite Person in diesem Land zur Miete wohnt. Manche Menschen haben das Glück, einen fairen Vermieter zu haben. Manche verdienen genug Geld, um jeden Sprung ihrer Wohnkosten wegzustecken. Ich bin weder in der einen noch in der anderen Situation.

Ich bin aus reiner Notwehr Aktivistin geworden. Weil ich kurz vor Weihnachten 2023 eine Heizkostennachforderung über 6.500 Euro aus meinem Briefkasten holte. Gleichzeitig sollte meine Miete durch angepasste Vorauszahlungen plötzlich mehr als doppelt so hoch sein wie zuvor.

Ich weiß nicht, ob Sie sich vorstellen können, wie ich mich in diesem Moment gefühlt habe. Ich bin alleinerziehend, ich arbeite, und normalerweise habe ich mein Leben ganz gut im Griff. Aber diese Forderung hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Und nicht nur mir, denn ich war natürlich nicht die Einzige, die eine Nachforderung in vergleichbarer Höhe erhalten hatte.

Wahrscheinlich ist Ihr erster Gedanke: Warum heizen die denn auch so viel? Ich kann dazu nur sagen: In meiner Wohnung sind es im Winter durchschnittlich 17 Grad, im Sommer dagegen oft 35. Das spricht nicht für übermäßiges Heizen, sondern für schlechte Dämmung — und für Abzocke bei der Art der Wärmeversorgung. Auf das Modell Contracting komme ich später noch zurück. An dieser Stelle nur so viel: Wollen wir eine klimagerechte Sanierung unserer Wohnungen? Ja, absolut. Wollen wir klimagerechte Heiz- und Kühlmöglichkeiten? Na logisch. Warum wir sie nicht bezahlen wollen? Erstens, weil die Politik jahrzehntelang versäumt hat die richtigen Anreize zu setzen und zweitens, weil wir es schlicht nicht können. Was wir fordern, ist eine warmmietenneutrale Sanierung unserer Wohnungen.

Ohne unsere Organisierung wären wir niemals in der Lage, uns gegen Vonovia zu wehren. Und trotzdem besteht aus so vielen Gründen ein massives Machtungleichgewicht.

Wir machen das alles ehrenamtlich. Nicht wenige arbeiten sich dabei in den Burnout, weil sie ganz nebenbei auch noch ein Leben stemmen müssen: Geld verdienen, Care-Arbeit, so Dinge halt. Vonovia hat Anwälte, die nur damit beschäftigt sind, unsere Klagen abzuwehren. Wir finden oft genug gar keine, die für die geringen Streitwerte überhaupt arbeiten wollen.

Wahrscheinlich denken Sie jetzt: Nun gut, aber für die Mieterhöhung bekommen die MieterInnen doch sicher auch etwas. Da kann ich nur sagen: Leider nein. Meine Wohnung zum Beispiel wurde in den 1990er Jahren aufgestockt. Sie sehen die Bilder — da wurde seitdem nichts dran gemacht.

Bei Reparaturen wird immer nur genau das Stück ausgetauscht, das gerade den Schaden verursacht hat. Daneben rottet es munter weiter. NachbarInnen wohnen in völlig verschimmelten Wohnungen. Wir haben keine Ansprechpersonen. Und jede Instandhaltung wird so aufgepimpt, dass sie als Modernisierung noch mehr Geld aus uns herauspresst.

Und wo geht dieses Geld hin? Als Dividende in die Taschen der Aktionäre, aber auch in eine Mega Zahlung an Rolf Buch von insgesamt 9,1 Millionen Euro.

Und genau hier möchte ich nochmal den Gegensatz aufmachen: Mich bringt eine Mieterhöhung von 40 Euro in Not. Andere Menschen bekommen in diesem Land so viel Geld, dass es ihnen sprichwörtlich zu den Ohren wieder herauskommt, und entscheiden dann darüber, was für mich gut genug sein soll.

Ich sage Ihnen, was für mich gerade gut genug ist: selbst entscheiden zu können — unter gleichen Voraussetzungen.

Was es dafür braucht: Umverteilung und die Vergesellschaftung von Großkapital.

 

Jetzt die Rede von Ruth Carcassonne im Video anschauen:
https://www.youtube.com/watch?v=IZ-DWnwi9Ig (ab Min. 9.20)

Mehr Infos zum Berliner Bündnis gegen Vonovia und Co: www.berlin-gegen-vonovia.de